#PiBinterview

7 FRAGEN AN…
Sibylle Fendt

PiB Interview Nº18 | May 2022

(Note: this interview is only available in German)

Viel Vergnügen mit dem #PiBinterview Nº18 in der Reihe »7 Fragen an…«, diesmal mit der Künstlerin Sibylle Fendt! Das Interview wurde geführt von Kateřina Sýsová, und entstand begleitend zu Sibylles Einzelausstellung »_:* PORTRÄTS VON KÜNSTLER:INNEN«, die von 6. Mai — 19. Juni 2022 im f³ – freiraum für fotografie in Berlin-Mitte zu sehen ist.

PiB: Liebe Sibylle, könntest du bitte eines der Bilder aus Deiner Ausstellung aussuchen und uns erzählen, wie es entstanden ist?

Sibylle: Ich möchte gerne über das Bild von Ina Holub sprechen. Erst mal ist Ina Holub eine meiner Protagonistinnen, die ich nicht kannte, sondern die mir empfohlen wurde von einer anderen Person, die ich fotografiert hatte. Ich schrieb Ina also über Instagram an und freute mich sehr, dass auch sie, die mich nicht kannte, einem Shooting zustimmte. Da ich mich in Wien, wo sie wohnt, überhaupt nicht auskenne, bat ich sie um einen Vorschlag, wo wir uns treffen könnten. Ich hoffe immer, dass wir uns im Atelier, Studio oder privat treffen, da diese Orte natürlich automatisch viel über die Person erzählen. Ina wollte sich allerdings in einem Industriegebiet mit mir treffen, das sie fotografisch als Kulisse interessant fand. Letztendlich hatte sie dann doch zu wenig Zeit für einen Trip dahin und wir trafen uns doch bei ihr. Mein Glück! Ich kenne Inas Posts auf Instagram, ihre deutlichen Schilderungen über ihr Empowerment, ihr langer Weg aus der Scham. Ich traf eine so tolle, offene, starke, entspannte Person, dass es ein Geschenk für mich war, sie zu fotografieren. Wir haben einige Dinge ausprobiert, aber gar nicht so viele. Umso schlichter das Setting wurde, umso besser.
Bei manchen Bildern, die ich mir später im Labor anschaue, kann ich es gar nicht fassen, dass ich sie gemacht habe. So geht es mir bei diesem Bild. Ich hatte einfach viel Glück. Viel Glück, Ina kennenzulernen, viel Glück, dass sie so cool und fein ist, Glück, dass sie so einen tollen Geschmack hat, der aber weit weg vom Mainstream ist. Glück, dass sie so besonders ist und das mit mir teilt.

Wie hast Du die Künstler:innen, Schauspieler:innen, Autor:innen, Musiker:innen und Filmemacher:innen, die Du fotografiert hast, ausgewählt?

Als ich mich entschlossen hatte, eine Arbeit über Künstler:innen anzufertigen, in deren Schaffen eine feministische Haltung eine wichtige Rolle spielt, hatte ich eine relativ überschaubare Namensliste, wen ich unbedingt fotografieren wollte. Darunter waren Paula Winkler, Annegret Soltau, Fatma Aydemir, Peaches, Goodyn Green, Alba D’Urbano, Hengameh Yaghoobifarah und ein paar mehr. Umso tiefer ich in das Thema einstieg, umso länger wurde die Liste. Bis heute ist sie sehr subjektiv geblieben. Natürlich ist es mir unmöglich, eine Vollständigkeit anzustreben. Vielmehr ist es wie ein Mixtape mit meinen ganz persönlichen Heroes. Mittlerweile gibt es schon 2 Mixtapes und vielleicht werden es noch mehr…

Welche Menschen haben Dich während der Arbeit an diesem Projekt am meisten geprägt?

Alle. Jede einzelne Begegnung war ein Geschenk. Klar gibt es Begegnungen, bei denen man merkt, dass man ganz ähnlich tickt, das ist toll. Aber genauso liebe ich Begegnungen, wo ich einen Menschen kennenlerne, der ganz anders strukturiert ist als ich und aus anderen Impulsen und Beweggründen sein Schaffen und Handeln generiert.

Du arbeitest viel mit einer Mittelformatkamera und analogem Filmmaterial – kann man da noch spontan sein?

Wenn ich „darf“, bin ich beim Fotografieren sogar sehr spontan. Das bedeutet nicht, dass ich Action-Fotos mache, und ich fotografiere auch nicht während des Gesprächs, um einen schönen Moment festzuhalten. Dazu wäre die Kamera vermutlich tatsächlich die falsche. Aber ich begegne der Person, lerne sie kennen und entscheide erst währenddessen, wie und wo wir fotografieren. Ich überlege mir in der Regel nichts vorher, bzw. wenn ich es doch tue, kommt es oft ganz anders. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel das Bild von Katharina Bosse und Kristin Jackson Lerch.
Ich liebe den Akt des analogen Fotografierens. Er entschleunigt, er macht das Shooting zu einem besonderen Event. Ich brauche fast immer ein Stativ, ich muss mit einem Belichtungsmesser das Licht messen, ich muss einen Film einlegen, ich halte mich ewig damit auf, scharf zu stellen, weil jedes Mal auslösen richtig Geld kostet. Ich habe oft lange Belichtungszeiten, in denen wir beide innehalten. Das ist ein schöner, konzentrierter und ein bisschen feierlicher Moment.

Mit Deiner Arbeit versuchst Du, traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen. Kannst Du erklären, warum das für Dich persönlich wichtig ist? 

Es ist ärgerlich, wenn das Geschlecht eine größere Rolle spielt als der Charakter, die Persönlichkeit. Geschlechtern werden Charaktereigenschaften und eine optische Erscheinung zugesprochen, nach wie vor. Wenn man da aus dem Raster fällt, muss man sich dazu verhalten wie auch immer. In meinen 52 Porträts stelle ich 52 tolle Menschen vor. Jede einzelne Person feiere ich, sie ist toll, sie hat einen Namen. Das Geschlecht ist mir dabei egal. Ich bin ja kein Arzt oder die Sexualpartnerin. Das sollten die einzigen beiden Situationen sein, wo das Geschlecht eine Rolle spielt.

Hattest du während Deiner Karriere je das Gefühl, als Frau eingeschränkt zu werden? Warum ist es für Fotografinnen immer noch schwerer als für Fotografen?

Ich glaube, es gibt immer noch Männer, die Angst haben, dass ihnen etwas weggenommen wird, die ein Problem damit haben, dass Frauen vielleicht genauso gute Arbeit leisten. Als ich schwanger mal einen Job für ein großes deutsches Magazin machte, ließ der Redakteur, der mich begleitete, keine Situation aus, um mir deutlich zu machen, dass ich in meinem Zustand nicht arbeiten sollte. Ich war so damit beschäftigt, die ganze Zeit das Gegenteil zu beweisen, dass mir erst Jahre später die Unverschämtheit der Situation bewusst wurde. Solche „Anekdötchen“ gibt es einige. Sie haben mich nicht umgebracht und ich bin sehr dankbar für das Leben, das ich leben darf. Trotzdem muss man auch nicht über alles hinwegsehen.

Was könnte oder sollte passieren, damit gute Künstler:innen nicht wegen ihres Genders abseits des Rampenlichts stehen müssen?

Es geht ja nicht nur um Gender, es geht um Marginalisierung und Ausgrenzung in jeglicher Hinsicht. Solange die Gesellschaft nicht bei einer natürlichen Gleichberechtigung angekommen ist, ist es vermutlich leider notwendig, Förderungen für diese Menschen zu schaffen. Und ein System zu schaffen, in dem der kinderlose weiße Mann oder der Mann, der eine Frau hat, die ihm den Rücken freihält, nicht immer automatisch die optimale Eignung hat. Es ist ja ein komplexes System, das da ineinandergreift. Ich könnte ja auch sagen, dass ich selbst schuld bin, denn in meiner Karriere konnte und WOLLTE ich einige Schritte nicht gehen, da ich Familie habe, die ich liebe und die mir über alles geht. Also selbst schuld. Aber das sind auch wichtige Werte (unter vielen anderen wichtigen Werten), die es zu vermitteln gilt – auch in der künstlerischen Arbeit oder in der Lehre. Ich hoffe wirklich, dass die Menschlichkeit mit all ihren Schwächen und Hindernissen über das zielorientierte, optimierte, perfektionierte, machtorientierte Patriarchat siegt. Klingt unrealistisch…

PiB: Herzlichen Dank für dieses Interview, Sibylle!

Weiterführende Links zu Sibylle Fendt: Website | Instagram
Alle Beiträge auf PiB zu Sibylle Fendt gibt’s hier.

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