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#PiBinterview

7 FRAGEN AN…
Thomas Gust

PiB Interview Nº19 | June 2022

(Note: this interview is only available in German)

Viel Vergnügen mit dem #PiBinterview Nº19 in der Reihe »7 Fragen an…«, diesmal mit dem Kurator und Verleger Thomas Gust! Das Interview wurde geführt von Kateřina Sýsová, und entstand begleitend zu Ruslan Hrushchaks Ausstellung »The Road Beyond«, ausgestellt vom 22. Mai — 30. Juni 2022 in der Galerie Buchkunst Berlin.

PiB: Herzlich willkommen, lieber Thomas. Was hast du gedacht, als du die Fotos von Ruslan Hrushchak zum ersten Mal gesehen hast?

Thomas Gust: Zum ersten Mal habe ich die Bilder in einem Artikel im SPIEGEL und die Ankündigung für das jetzt erschienene Fotobuch gesehen. Als ich die Fotografien von Ruslan Hrushchak sah – das war kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – als wir alle mit den unfassbaren Bilder von Tod und Zerstörung konfrontiert wurden, war ich froh, Fotografien zu sehen, welche jetzt in gewisser Weise ein Gegenbild zu dem was wir täglich sehen, beschreiben. Menschen in ihrem Alltag, umgeben und durchdrungen von kulturellen Traditionen, einer eigenen Geschichte und auch dem Aufbruch in ein selbstbestimmtes und selbstgestaltetes Leben. Das findet man in vielen Bildern von Ruslan Hrushchak – wie besonders und fragil diese Prozesse sind, gelingt in seinen Bildbeschreibungen.

Der Fotograf, der seit 2000 in Deutschland lebt, kehrte wieder zurück, um seine Erinnerungen an die eigene Kindheit und das Aufwachsen wiederzufinden, aufzuzeichnen, um sie einmal seinen Kindern weiterzugeben. Und daraus wurden dann viele Reisen und eine zehnjährige Dokumentation, welche zu einer vielschichtigen Beschreibung der Menschen in der Ukraine geworden ist.

Wie kam es dann zu der Ausstellung? Warum hast du dich als Kurator dafür entschieden?

Es war uns ein Bedürfnis, weiterhin Fotografien aus der Ukraine zu zeigen. Wir hatten mit dem Fotografen Florian Bachmeier das Fotobuch IN LIMBO veröffentlicht und seine Arbeiten in unsere Galerie gezeigt – Fotografien aus der Ukraine, welche die Auswirkungen des Krieges, der ja eigentlich schon 2014 begann, auf die Menschen und Landschaften zeigen. Wir sind für das Thema Ukraine auch grundsätzlich sensibilisiert, Osteuropa ist für unseren Verlag und auch die Galerie in gewisser Weise ein Schwerpunkt, das liegt sicher auch an den Wurzeln von Ana Druga und mir. Aber speziell unsere Arbeit mit dem Thema und Menschen ist seit Jahren und 2 Fotobüchern stetig gewachsen, einhergehend Freundschaften und Pläne.

Die Geschichte hat uns seit dem 24. Februar 2022 brutal überrollt. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich immer noch täglich. Wir waren sehr froh, mit der Ausstellung von Ruslan Hrushchak reagieren und der Ohnmacht etwas entgegensetzen zu können. Gemeinsam mit der Stiftung West-Östliche Begegnung haben wir die Möglichkeit einer solidarischen Ausstellung besprochen und umgesetzt. Erlöse aus den Verkäufen der Fotobücher und eigens für die Ausstellung gestaltete Charity Plakate gehen direkt an eine Hilfsorganisation in die Ukraine. Zur Vernissage hat der DJ, Musiker und Schriftsteller Yuriy Gurzhy ukrainische Songs gespielt. Es ist eine wirkliche Feier der wunderbaren Kultur und Menschen der Ukraine geworden, die der desperaten Wirklichkeit einen positiven Impuls entgegensetzen konnte.

Könntest du bitte eines von Ruslans Bildern auswählen, und uns etwas dazu erzählen?

Neben vielen anderen, ist es ein Bild der beiden Schwestern Ganusia und Nastia. Beide leben in den Karpaten. Sie wohnen eigentlich nicht weit voneinander entfernt, aber der Weg ist zu beschwerlich und die beiden können sich nur sehen, wenn jemand die waghalsige Fahrt mit dem Auto hoch in die Berge auf sich nimmt. Manchmal vergeht darüber ein halbes Jahr. Der Fotograf nahm die Fahrt auf sich, vereinte die beiden Schwestern. Zum Dank sangen sie ihm traditionelle, sehr alte Lieder vor. Das Foto entstand im Moment, als beide den Text eines dieser Lieder vergessen hatten und nachdenkend zum Fenster hinausschauen.
Ebenso besonders faszinieren mich die Hände dieser beiden Frauen, es ist zu sehen, das sie ein ganzes Leben lang harte Arbeit verrichtet haben.

Weißt du, wie die Situation der Menschen, die Ruslan fotografiert hat, heute ist? 

Nicht wirklich, aber es waren tatsächlich einige der auf den Bildern abgebildeten Menschen zur Eröffnung angereist, auch aus der Ukraine. Wir wissen aber durch den Fotografen, zumindest von den Portraitierten, mit denen er in Kontakt steht, dass diese in Sicherheit sind. Einige sind auch nach Deutschland gekommen. Grundsätzlich ist es eine Zäsur, sich Fotografien anzusehen, die gestern entstanden sind und bei denen wir bei der Editierung nachdenken ob diese Menschen heute, am nächsten Tag noch am Leben sind – oder ob diese Architektur auf der Fotografie überhaupt noch steht. Das verändert natürlich auch den Umgang mit den Fotografien.

Die Bilder bekommen jetzt noch eine weitere Bedeutung als Mahnungen für den Frieden. Was kann Fotografie bewirken? Ist sie in Zeiten des Krieges wichtig?

Seit der Erfindung der Fotografie stellt diese auch Konflikte dar. Seit dem Krim-Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo neue, noch verheerendere Kriegstechnologien durch die neue Medientechnologie Fotografie abgebildet wurden, werden Fotografien zu Dokumenten und Beweisen. Fotografie hat Kriege propagiert, aber auch geholfen diese zu verstehen und sogar zur Beendigung von Konflikten beigetragen. Diese Bilder sind universell lesbar und sensibilisieren uns für individuelles Leid. Theodor Fontane, selbst auch Kriegsberichterstatter, was ihn fast das Leben kostete, hat einmal festgestellt, das Mitleid nicht erlernbar ist, aber der Mensch immer in der Gefahr stünde, Mitleid zu verlernen. Ikonische Erinnerungsbilder, wie die von Robert Capa, Lee Miller oder Don McCullin sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden und stehen den Zahlenkolonnen der Opfer und den Gedenksteinen entgegen. Die Frage ist, welche Bilder einer Zukunft wir entwerfen können und was diese bewirken. Denn „auf dieser Seite der Barrikade hat bereits die Zukunft begonnen“ (John Berger). Wir brauchen diese Visionen und Bilder einer Zukunft, nicht nur in der Ukraine, auch hier. Das bringt uns wieder zu den Fotografien von Ruslan Hrushchak, in denen man diese Visionen findet, auch wenn wir sie uns hier noch aus der Vergangenheit leihen müssen. Man kann sich noch bis zum 18. Juni in der Galerie Buchkunst Berlin selbst davon überzeugen. Zur Finissage am 18. Juni 2022 von 17 bis 20 Uhr wird Ruslan Hruschak anwesend sein und über seine Bilder mit mir sprechen.

PiB: Herzlichen Dank für das Interview, Thomas!

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